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No. 8a Dead Friends – Kitchen Gossip

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KLIMT  Reserl, was machen Sie denn da?

RESERL Ich arbeite.

KLIMT  Sie waschen Ihre blutige Wäsche aus? Hier in der Küche? Sind Sie verrückt?

RESERL  Es ist nicht meine Wäsche, die ich wasche. Es ist das Bettzeug meines Herrn. Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe!

ALMA  Er will mich anders, ganz anders... und auch ich will es. Es gelingt mir auch, solang’ ich bei ihm bin. Aber immer wenn ich allein bin, dann kommt mein zweites, eitles, schlechtes Ich und begehrt Auslass. Und ich willfahre (springt auf den Tisch) — aus meinen Augen strahlt Frivolität, mein Mund lügt. Lügt in einem fort. Und er... fühlt es... weiß es... jetzt erst, in dem Moment weiß ich‘s, ich muß zu ihm hinauf! Ich lebe ja nur von ihm. (springt vom Tisch)

KLIMT   (kostet) Wähhhh...!!! — Reserl, was ist das?!! was kochen Sie da?

RESERL  Ach, fragen Sie  mich nicht. Es ist ein Jammer.

KLIMT Es schmeckt wie Mazzes mit Rhizinusöl. Wähhh! Was ist das?

ALMA  Pürriertes Vollkornbrot mit Äpfeln.

KLIMT   Pürriertes Grahambrot mit Äpfeln? Pfui Teufel! Wer will denn sowas essen? – Alma!!! Bist du schwanger?!

ALMA  Das ist die einzige Nahrung, die Gustav noch zu sich nehmen kann.

KLIMT  Dein Mann? Was hat er? Ist er krank?

ALMA  (hält ihm den Probierlöffel hin:) Würdest Du das essen, wenn Du gesund wärst?

RESERL  Ich bin am Verzweifeln! Es kommt nichts anderes mehr auf den Tisch! Kein Hendl, kein Schnitzel, kein Braten, nichts, das auch nur nach Leben riecht! Hier ist alles verboten!

KLIMT  Verboten? Warum denn?

ALMA  Er nennt es seine „bittere Heimsuchung“. (Sie beginnt Teller, Reibeisen und Äpfel zusammenzusammeln und am Tisch für Gustav Äpfel zu reiben.)

KLIMT  Bitte was?

ALMA  (am Tisch) Seine „unterirdischen Ströme“

KLIMT Seine „unterirdischen Ströme“? Alma, wovon redest Du?

ALMA Reserl, sag du.

RESERL Ich schäme mich es auszusprechen.

KLIMT  Um Jesu Christi Willen!? Was ist denn?!

RESERL  Der Herr Direktor hat ... Der Herr Direktor... — Ahhh, es geht nicht!

ALMA  Na sag schon.

RESERL Ich kann es nicht!

KLIMT Reserl! Sie werden in die Lage versetzt, der Menschheit vielleicht eines der dunkelsten Geheimnisse des Jahrhunderts zu erhellen! Was sind „unterirdische Ströme“, die sich nur durch Grahambrot ertragen lassen?

RESERL Es sind .... Gott schütze mich! – Hämorrhoiden.

KLIMT Hämorrhoiden?!!! – Alma?!

ALMA Na, was denn?! Das weiß doch schon ganz Wien!

KLIMT Wovon redest du?

ZEMLINSKY /ALMA (wenn Zemlinsky zu spät aus seiner Vor-Szene kommt) Es war am Abend des 24. Februar. Gustav dirigierte zu Mittag seine 6. Symphonie und am Abend in der Oper die Zauberflöte... Weiß das Gesicht, Kohlen seine Augen. Er sah aus wie Luzifer!

ALMA  Das kann doch ein Mensch gar nicht aushalten. Mit einer solchen Intensität kann man nicht zwei Wunder an einem Tag gestalten ohne daran zugrunde zu gehen.

KLIMT  Ach, das war der Grund damals im Februar?

ALMA  (bleibt am Tisch, lässt die Arbeit ruhen, evtl. eindecken oder seinen Teller herrichten. erklärt Klimt was da vor sich ging:) Ich hab solche Angst, dass er mir krank wird. Immer wenn ich die Augen schließe, seh ich ihn ordentlich in seinem Blute liegen...

KLIMT   In dieser Nacht richtete sich ihre Aufmerksamkeit zum ersten Mal auf das Genie Gustav Mahlers? – Du denkt an das Feuer seines Geistes und spürst die Flammen in seinem Arsch! Du verliebst sich – in seine Hämorrhoiden!

Alma (schmeisst wütend einen Apfel nach ihm, nimmt am Tisch eine Flasche)

RESERL Sie müssen aufhören zu trinken, Madame. Glauben Sie mir! Das wird Sie nicht glücklicher machen. Sie müssen zurückkehren zu dem Mädchen, das sie vor Ihrer Heirat waren.

ALMA Ich weiss nicht. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wer ich damals war.

KLIMT   Du warst eine stadtbekannte Schönheit, Alma. Die Welt lag Dir zu Füssen. Und du hattest eine Gabe. Eine grosse Gabe! Die grösste, die einem geschenkt werden kann: Du hattest… Talent!

ALMA  (lehnt sich trostsuchend an ihn)

MUSIK: Almas Lied “Hymne”

ALMA  Das ist von mir! - Gustav hält von meiner Musik gar nichts, von seiner viel — und ich halte von Gustavs Musik gar nichts, und von meiner viel. Das ist es! (geht zum Schneidepult, nimmt ein Küchentuch vom Topfhalter. bleibt dort. Reserl bringt ihr ein frisches Tuch)

KLIMT  Weiß er das auch?

ALMA  Ich wage nicht, meinen Mund zu öffnen. Und Gustav redet auf mich ein, aber ich kann ihm nicht antworten. Ich schweige. Es beschwört mich, ihm doch zu antworten — und ich kann doch kein warmes Wort für ihn finden. Nicht eins.

RESERL  Wenn ihm etwas geschieht, müssen Sie sich um seine Musik kümmern. Das müssen Sie mir versprechen!

ALMA  Ich kann es nicht versprechen! — Bei ihm wär‘s gegangen, seine Kunst empfinde ich mit, du bist ein genialer Kerl, Alex. (geht zu Zemlinsky und berührt ihn) Aber der Gustav ist ja so arm, so furchtbar arm... wenn er wüßte, wie arm er ist... er würde seine Hände vor die Augen geben und sich schämen... (geht zum Herd, verharrt dort und sieht sich die Szene der anderen an. Tauscht Blicke mit Zemlinsky. Zwischen Lachen und Weinen)

ZEMLINSKY Könntest du dich in mich verlieben... –  Reserl?

RESERL  Ich?

ZEMLINSKY  Schau mich an! Ich bin Gustav Mahler. Ich bin verrückt nach dir! So wie sie in jener Nacht verrückt nach ihm war! Reserl, stell dir vor, du wärst Alma...

RESERL Ich ... Alma?

ZEMLINSKY   Was würdest du sagen, wenn ich jetzt um deine Hand anhalten würde?

RESERL Mich heiraten?! Der Herr Direktor Mahler.... – Das würde er nie tun!

ZEMLINSKY Stell es dir einfach vor

RESERL Das kann ich nicht.

ZEMLINSKY Natürlich kannst du das! Jede Frau der Welt kann das, sie muß nur ihren Gustav treffen.

RESERL hren Gustav treffen?

ZEMLINSKY  Lies, lies!!! (Gibt ihr einen Zettel:) Das habe ich für Dich geschrieben. In all den Nächten, in denen ich einsam in meinem Zimmer lag ...

Reserl (liest:) »Das kam so über Nacht! Hätt‘ ich‘s doch nicht gedacht, Daß Contrapunkt und Formenlehre mir noch einmal das Herz beschwere! So über eine Nacht – Gewann es Übermacht! Und alle Stimmen führen nur mehr homophon zu einer Spur...« Wie schön! Wie wunderbar!!

ALMA Wo hast du das her?! (bleibt stehen, Blickkontakt während Reserl weiterliest)

ZEMLINSKY  Lies weiter.

RESERL »Das kam so über Nacht ich habe sie durchwacht – Daß ich, wenn‘s klopft, im Augenblick die Augen nach der Türe schick‘!« – Das ist ja wie ein Traum!

ZEMLINSKY Das ist ein Traum. Das ist ein Traum!

ALMA Wo hast du das her?!

ZEMLINSKY   Das hat er Dir doch geschickt – nach Eurer ersten Begegnung!

RESERL Wie bewegend! Wie wunderbar! Das ist Liebe auf den ersten Blick! Wie schön!

ZEMLINSKY (flüsternd): Alma! Verlang von mir, was du willst, was immer du willst!  – Ich mache dich zur Dirigentin des Hofopernorchesters!

RESERL Oh...! Wie ist das herrlich! Wie ist das schön!!!                                                   

KLIMT Du verdirbst Dir doch Dein Leben, indem du diesen rachitischen und degenerierten Juden heiratest. Todkrank, verschuldet und impotent!!! Frisst nur Grahambrot und Obst... Und genauso komponiert er auch!

Reserl  Das stimmt nicht! Seine Lieder sind sehr schön...

ALMA   Woher kennst du die?

Reserl  Ich... habe zugehört, wie er sie Ihnen... vorgespielt hat.

ZEMLINSKY Ach, du belauscht Deine Herrschaft?!

KLIMT  Seine Diätmusik?! Mit dem unwiderstehlichen Charme von Apfelkompott?! Verfehlt seine Wirkung nie – als Abführmittel!

Reserl (zu Zemlinsky) Sie Muss zu ihm hinauf! Sie lebt ja nur von ihm. Aber er will sie anders, ganz anders... und auch sie will es. Es gelingt ihr auch, solange er bei ihr ist – aber wenn sie allein ist, dann kommt ihr zweites, eitles, schlechtes Ich und begehrt Auslass. Aus ihren Augen strahlt Frivolität, ihr Mund lügt. lügt in einem fort. Und er... fühlt es... weiß es... – Er beschwört sie zu reden... und sie... kann kein warmes Wort finden. Keins. Das kann das Ende sein...! – Wenn Sie also ihre Freund sind, beschwöre ich sie: reden sie mit ihm. Reden Sie mit ihm, so ernsthaft und aufrichtig, wie es ihnen nur irgend möglich ist. Sagen sie ihm, dass er seinen Fluch von Alma Schindler abziehen soll, weil sie frei sein will, frei sein Muss! Hören sie, was ich sage?! Sie Muss frei sein, sie darf sich nicht fesseln lassen. Sagen sie ihm das, wenn sie wirklich ihr Freund sind. 

ALMA (unterbricht sie) Ich brauche etwas zu trinken! Komm Gustl! Gebt mir etwas zu trinken! Einen Schnaps! Gebt mir Schnaps! Ich brauche Schnaps!! (schnappt sich ein Glas und geht mit Klimt ins Bad zu „Pantalone Jokes“)

KLIMT Liebe Freunde! Liebe Feinde! Gustav Mahler hat sich nun endlich doch, nach Jahren konsequenten Junggesellendaseins, entschlossen, sich einem weiblichen Wesen anzuvertrauen, mit dem er nicht verwandt ist – und dies sei für uns ein nobler Grund zu feiern! Ich erhebe daher mein Glas auf das Wohl des unglücklichen Paares und sage: Lehayim! (Erheben der Gläser) – Aber da wir jetzt unter uns sind, Alma, erlaube mir auch ein paar Worte im Vertrauen: Wir machen uns trotz allem auch ein wenig Sorgen. Wir sind nicht beunruhigt darüber, daß er 41 ist und du erst 22 – weit gefehlt! Das ist gar kein so großer Unterschied. Denn, schau mal, wenn Gustav einmal 120 ist, dann bist du 101 – und dann ist es schon gar nicht mehr so schlimm. Was uns aber Sorgen macht, ist der Unterschied in eurem Wesen. Du, liebe Alma, bist jung, bist schön, bist frei und voller Leben – wohingegen Gustav, was ist? Ein Asket! – Und das ist noch untertrieben! Er ist so weltfremd und wenn er etwas liebt, das neben seiner Musik bestehen darf, so ist es doch die Einsamkeit..

ALMA Dann sag ihm, daß er seinen Fluch von Alma Schindler abziehen soll, weil sie frei ein will, frei sein muss! Hörst du, was ich sage?! Ich muß frei sein, ich darf mich nicht fesseln lassen. Sag ihm das!

KLIMT Wenn Du dich also wirklich entschließen solltest, zu heiraten, Alma, so musst Du immer eins bedenken: Euer Leben wird eine sehr schwierige Etüde sein, vielleicht ein Nocturne, vielleicht eine Mazurka – aber immer wird es ein Stück für vier Hände sein.