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Das Polydrama
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5a DEAD FRIENDS RESERL (ALMA 2, SCHWESTER)
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ALMA   (auf dem Weg ins Zimmer:) Er will mich anders, ganz anders... und auch ich will es. Es gelingt mir auch, solang‘ ich bei ihm bin — aber wenn ich allein bin, dann kommt mein zweites, eitles, schlechtes Ich und begehrt Auslaß. Und ich willfahre — aus meinen Augen strahlt Frivolität, mein Mund lügt. (ruft:) Lügt in einem fort. Und er... fühlt es... weiß es... (Alma greift nach der Sektflasche)

SCHWESTER   Sie müssen aufhören zu trinken, Madame. Glauben Sie mir! Das wird Sie nicht glücklicher machen. Sie müssen zurückkehren. Zu sich selbst. Zu Ihrer Jugend. Zu dem Mädchen, das sie vor Ihrer Heirat waren.

ALMA   Ich weiss nicht. Ich kann mich nicht daran erinnern. Ich weiss gar nicht mehr, wer ich damals war.

SCHWESTER   Sie waren eine stadtbekannte Schönheit, Madame, die Welt lag Ihnen zu Füssen. Und sie hatten eine grosse Gabe! Die grösste Gabe, die einem geschenkt werden kann: sie hatten Talent!

ALMA   Ich weiss nicht, ob davon etwas überlebt hat. Mein Kopf ist so leer. So... hohl. Und mein Herz ist stumm. Vertrocknet.

SCHWESTER    Lassen Sie Ihr Leben hinter sich...

ALMA   Wie soll das gehen? Ich habe Kinder, ich habe Familie, ich habe einen Haushalt zu führen. Ich muss Gustav unterstützen.

SCHWESTER    Das müssen Sie alles hinter sich lassen. Nehmen Sie ihr Komponieren wieder auf. Machen Sie weiter! Nehmen Sie Ihre Lieder von damals und fangen Sie wieder an!

ALMA   Glauben Sie wirklich dass ich das kann?

SCHWESTER   Ich bin davon überzeugt, Madame. Aber geben Sie acht, dass sie diesmal niemand von Ihrem Weg abbringt. Nur dann kann Ihnen geholfen werden.

ALMA   Wenn sie also so mutig sind, beschwöre ich sie: sagen sie ihm, was ich gesagt habe, sagen sie ihm, was sie von mir denken — was sie wirklich von mir denken —  Reden sie mit ihm so ernsthaft und aufrichtig, wie es ihnen nur irgend möglich ist. Sagen sie ihm, daß er seinen Fluch von Alma Schindler abziehen soll, weil sie frei ein will, frei sein muß! Hören sie, was ich sage?! Ich muß frei sein, ich darf mich nicht fesseln lassen. Sagen sie ihm das, wenn sie sein Freund sind. — Er hält von meiner Kunst gar nichts, von seiner viel — und ich halte von seiner Kunst gar nichts, und von meiner viel. (Schwester macht die Musik an.) So ist es! Irgendwo brennt eine Wunde in mir, die niemals ganz verheilen wird...

SCHWESTER   Wenn ihm etwas geschieht, müssen Sie sich um seine Musik kümmern. Das müssen Sie mir versprechen!

ALMA   Ich kann es nicht versprechen! — Bei Zemlinsky wär‘s gegangen, dessen Kunst empfinde ich mit, das ist ein genialer Kerl. Aber der Gustav ist ja so arm, so furchtbar arm... wenn er wüsste, wie arm er ist... er würde seine Hände vor die Augen geben und sich schämen... Und ich soll immer lügen... immer lügen! – Das Tier in mir will heraus, es schreit nach Freiheit! Ich schaue in den Spiegel und sehe meine Augen, wie sie vor Lust sprühen und funkeln. Und dann juckt‘s mich, und ich möchte etwas Böses tun. Es gibt soviel Böses, was es sich zu tun lohnte. Ach, nur ein wenig Böses! Eltern hat man, um Sie zu belügen, Männer hat man, um Sie zu betrügen, Seele hat man, um Sie zu vertieren, Gott, o Gott! Was liebst du so das Böse!?

(Alma entblösst sich und fängt an zu singen)

Ich hab ein glühend Messer, ein Messer in meiner Brust. O weh! O weh!

Das schneid’t so tief in jede Freud und jede Lust, so tief!

SCHWESTER   Madame, das ist ein Lied von Gustav Mahler

ALMA   Das ist mir aber scheissegal. Ich möchte jetzt auch eine kleine Rede halten, eine Dankesrede! – Ich möchte Gott danken, daß er den Männern gestattet hat, die Frauen von sich selbst zu entfremden – und ich möchte ihm danken, daß er dafür das heilige Sakrament der Ehe erfunden hat, damit das Kind auch einen Namen hat. (Zu Schnitzler:) Sie, Arthur Schnitzler, sie müßten mir das doch erklären können, sie wissen doch alles über die Mysterien zwischen Mann und Frau, sie sind doch so ein großer Psychologe, größer als Sigmund Freud – erklären sie‘s mir!

SCHWESTER   Alma, Sie sind sehr unhöflich!

ALMA   Unhöflich? Aus was für einem Grund sollte ich denn höflich zu ihnen sein? Sind sie vielleicht höflich zu mir? Schau sie dir doch an, wie sie mich anstarren, deine feinen Herren Freunde. Ist das vielleicht höflich? Sie sagen nichts, sie starren nur. Starren mich nur an mit ihren widerlichen, stechenden Augen, aus denen mich ihr Judentum anspringt wie eine tollwütige Hündin. Sie spießen mich auf wie ein Insekt, das sie glauben gefangen zu haben, um es unter Glas zu setzen. Sie wiegen mich und messen mich wie einen Teppich auf dem Bazar, rollen mich auf und wieder zu, prüfen, wie ich geknüpft bin, setzen ihre Skalpellaugen an, wo immer sie können, stoßen zu und schneiden mich auf an allen Ecken und Enden, wo sie glauben, daß sie hineinkönnen in mich, um ihre Rüssel anzusetzen und mich auszusaugen, bis aufs Blut. Sie legen jedes Wort von mir auf die Goldwaage, um es zu wägen und natürlich für zu leicht zu befinden, für zu jung, zu lebensfroh, zu fremd!! Ich sehe keine Menschen um mich, ich sehe nur Augen, Augen, Augen!!! Ich kann es in ihren Pupillen lesen, ich kann es förmlich hören, was sie reden, wie sie sich das Maul über mich zerreissen, im Cafehaus, im Theater, auf der Toilette! (imitier die jiddische Diktion:) A Schickse für unsren Gustav! Für unser Wunderkind?!!! Gott soll abhüten! Das kann nicht gutgehen! Das wird nix. Das is‘ a Schmockerei!! Rettet Gustav! Er ist für Höheres geboren! Er muß sich nicht wegwerfen! Er is‘ e Messias! Er is‘ e Messias!

SCHWESTER   Alma! Warum tun Sie das?

ALMA   Weil es mir Spaß macht, verstehen Sie? Weil es mir Spaß macht.

SCHWESTER   Ja, gut. Das verstehe ich.

ALMA   Wer sind diese Menschen?

SCHWESTER    Das sind Gustav Mahlers Freunde! Seine toten Freunde! Sie müssen sich doch an sie erinnern...!

ALMA   Alles prononcierte Juden, nicht wahr?!

SCHWESTER   Ja, ja, natürlich, gleich und gleich gesellt sich gern...

ALMA   Sie wissen doch ganz genau, daß ich Gustavs jüdische Freunde nicht ausstehen kann!

SCHWESTER   Ich bitte Sie! Die sind doch schon alle tot. Ich dachte, bei toten Juden machen Sie eine Ausnahme?

ALMA   Solche Witze macht man nicht nach Auschwitz.

SCHWESTER   Nur Poesie hat Adorno verboten, Witze nicht!

ALMA   Warum zeigen Sie mir das alles? Was soll ich hier?

SCHWESTER    Ich dachte, es wird Zeit, daß ich Ihnen Gustavs Freunde vorstelle. Wir müssen ihnen doch von Ihrer Verlobung erzählen!

ALMA   Meine Verlobung!... Ja, natürlich! Wie konnte ich nur!Ah! Frau von Mildenburg! Der berühmte Unterleibssopran! Entschuldigen sie, was war nochmal die Frage?... Ach, was ich von Gustavs Kompositionen halte? Das ist nicht so leicht zu sagen... Ich kenne doch noch nicht so viel. Aber was ich kenne... was ich kenne — gefällt mir nicht. Ganz und gar nicht. Ich finde es letztklassig. Haben sie sonst noch Fragen? ... Nein?! ... Schade. Dann erlauben Sie mir eine: Wie fanden sie denn meinen Gustav? Ich meine, so als Mann. Sie waren doch seine Geliebte, nicht wahr? Also müßten sie‘s doch wissen. Oder können sie sich gar nicht mehr erinnern? Ist es schon zu lange her? Vielleicht war ja auch gar nichts... Er spricht allerdings sehr gut von ihnen, er ist ganz stolz auf diese Affäre. Viel kann er dabei allerdings nicht gelernt haben, seinen diesbezüglichen Fähigkeiten nach zu schließen... — Bitte? Ich habe sie nicht verstanden?! Ach, sie haben gar nichts gesagt? Das ist aber schade! — Tja, was für ein Schweigen! ... Welch drückende Atmosphäre...!

SCHWESTER   Kommen Sie, hören Sie auf Alma.

ALMA   Warten Sie, warten Sie, lassen Sie mich noch ein bißchen! Es läuft gerade so gut. Ich gebe mir wahrlich Mühe, mich mit diesen Leuten anzufreunden.  (Sie wendet sich Justines Portrait zu, der Schwester Mahlers:) Justine, Justine, du bist die einzige aus der Familie, mit der man vernünftig reden kann! Warum gönnst du mir denn deinen Bruder nicht? Nein, nein, versuch nicht, es zu leugnen. Ich weiß es. Du warst ihm doch auch jahrelang ein Ersatz, du hast ihm den Haushalt geführt, du hast ihn bekocht, du hast sein Geld verwaltet. Jetzt bist du endlich frei! Sei doch froh! Außerdem, Justine, glaube mir: Ich hänge nicht an ihm. Ich gebe ihn frei, wann immer du ihn zurückhaben willst! Aber er wird nicht kommen! Er wird nicht kommen! Was soll ich machen? Er will nicht!

ALMA wird noch während der Szene von Mahler per Gegensprechanlage in die Küche zu „Declaration of Love“ gerufen.