ALMA ON TOUR    BIOGRAFIE     STÜCK    FILM     PRESSE    PHOTOS    VIDEO     INFORMATION     KARTEN Alma
  Abstandhalter  
 
 
Stück
   English
   Deutsch
   Česky
   Hebrew
   Italiano
   Francais
   Portugues
 

Das Polydrama
   Charaktere
   Rollen > Szenen
   Simultanität
   Polydrama

 
Sobol
   Interview
   Biographie
 
 

7a POST-COITUS, POST-MORTEM
> download Word-Doc

Mai 1911.  ALMA 1 & 2  und WALTER GROPIUS.

ALMA 1 & 2    (erst allein, dann mit Gropius, den sie beginnt zu entkleiden:) Oh, Walter! Wann wird die Zeit kommen, wo du nackt an meinem Leib liegst, wo uns nichts trennen kann außer der Schlaf?!!...Ich weiß, daß ich nur für diese Zeit lebe, wenn ich ganz und gar die deine werden kann. Mein Walter...von dir will ich ein Kind, es aufzuziehen, zu hegen und zu pflegen als meine heiligste Pflicht auf dieser Welt. Dein Geist und meinen Körper – unser beider Vollendetes muß einen Halbgott entstehen lassen. Ich möchte dich wieder über mir haben, physisch, in mir! Ich möchte dich so sehen, wie dein Gott – denn nur ein solcher kann so etwas zustande bringen – dich erschaffen hat. Deine ganze Schöne will ich in mich aufnehmen! Ich vergehe vor Sehnsucht nach deinen Umarmungen! Niemals werd ich vergessen, wie deine Hand mein Innerstes berührte wie ein Feuersturm! Welch eine Seligkeit hat mich durchflutet. Man kann also restlos glücklich sein! Es gibt ein vollkommenes Glück! In deinen Armen hab ich es erfahrenl Nur ein kleiner Schritt weiter, und ich wäre im siebten Himmel gewesen! Noch einmal, und du bist ganz mein. Ich möchte vor dir nieder knieen und deinen entblößten Leib küssen, alles küssen, alles! Amen.

GROPIUS wechselt in die Arme von ALMA 2

ALMA 2          Oh, Walter, ich habe dich so vermißt! Wenn du wüßtest, wie sehr ich dich vermißt habe in all den Monaten. Ich wünschte, du hättest alles stehen und liegen lassen und wärest zu mir gekommen! Die Heimlichkeiten haben endlich ein Ende. Wir brauchen uns nicht mehr zu verstecken, die Zeit nützen, während er auf der Probe ist, seinen Konzertplan auswendig lernen, um zu wissen, wann unsere Sehnsucht wieder gestillt werden kann, keine hastigen und eiligen Verabredungen mehr, heimlich in irgendwelchen Hotels oder Absteigen...

GROPIUS       Es ging nicht, solange Gustav noch am Leben war. Das wäre zu grausam gewesen.

ALMA 2          Oh ja, es war grausam, sehr grausam. In der Tat.

GROPIUS       Wie ist er denn gestorben?

ALMA 2          Was tut das jetzt noch, mein Schatz? Es ist vorüber. Wir sind vereint. Das zählt. Nur das. Ich brauche dich... um ihn zu vergessen.

GROPIUS       Ich brauche dich auch, mein Schatz. Ich bin doch immer noch ganz zerstört vom Tod meines Vaters. Es bleiben so viele Fragen. Auch Fragen, die ich an dich stellen möchte. Ist es denn ganz plötzlich gekommen? Du hast nie etwas erzählt. War er denn krank oder...? Ich meine, konnte er denn noch arbeiten? Oder mußte man ihn pflegen? War er bettlägrig in all den Monaten? Ein Pflegefall?

ALMA 2          Was sollen all diese Fragen, Walter? Ich bin frei. Wir sind frei. Es ist so demütigend, lügen zu müssen, wenn man sein Glück hinausschreien möchte in die Welt. Stattdessen immer die Ernüchterung und Schäbigkeit und der Betrug, wie  Diebe in der Nacht... Jetzt sind wir frei, um uns unsere Wünsche endlich zu erfüllen.

GROPIUS       Wußte er, daß er sterben wird?

ALMA 2          Nein, er wußte es nicht. Der Doktor hat ihn angelogen.

GROPIUS       Ach so!... War er noch... fit?...

ALMA 2          Nimm mich in den Arm!

GROPIUS       War er fit?

ALMA 2          Ach, mein Schatz!

GROPIUS       Warum gibst du mir denn keine Antwort, Alma?

ALMA 2          Was willst du denn wissen? Wir haben uns wochenlang nicht gesehen und du denkst an Gustavs Sterben... Warum quälst du dich damit...

GROPIUS       Du weichst mir aus.

ALMA 2          Komm hör auf! Warum quälst du dich mit sinnlosen Fragen, auf die es keine Antwort gibt? Du solltest froh sein, daß es nichts mehr, gar nichts mehr gibt, das uns jetzt noch trennen kann.

GROPIUS       Das tue ich, aber es ist auch die Stunde, in der wir uns über gewisse Dinge Rechenschaft abzulegen haben, über unsere Gefühle zueinander, über unser Zusammenleben, über die Zukunft...

ALMA 2          Zweifelst du an deinen Gefühlen mir gegenüber?

GROPIUS       Aber nein, nicht im geringsten. Was redest du denn? Ich bin dir in Liebe verfallen, Alma, das weißt du doch. Ich möchte, daß du meine Frau wirst.

ALMA 2          Oh, Darling.

GROPIUS       Ich möchte dich heiraten. Möchtest du meine Frau werden?

ALMA 2          Ich bin dir doch schon vermählt. Schon längst. Schon als Gustav noch am Leben war, das weißt du doch.

GROPIUS       Ja... ja... stimmt. Stimmt. — Sein Herz hat versagt, nicht wahr?

ALMA 2          Ja, es ist stehengeblieben.

GROPIUS       Er muß sich sehr schlecht gefühlt haben in all den Monaten zuvor, sehr schwach... Anders ist das gar nicht zu erklären.

ALMA 2          Er war sehr schwach.

GROPIUS       Und du hast gesagt, sein Herz war nie ganz gesund.

ALMA 2          Sein Herz war nie ganz gesund...

GROPIUS       Seltsam. Und trotzdem ist er so viel geschwommen, radgefahren, spazierengegangen... Das hast du mir erzählt, nicht?

ALMA 1          Er hat es nicht gewußt, daß er herzkrank war. Erst als unsere Putzi vor 4 Jahren gestorben ist, unsere kleine Tochter, da hat ihn Doktor Blumenthal ganz routinemäßig untersucht und... da ist es herausge-kommen. Er mußte alle körperlichen Anstrengungen von einem Tag auf den anderen aufgeben.

GROPIUS       Aber sein sonstiges Leben hat er doch nicht geändert, ich meine, er hat doch weiter dirigiert und gearbeitet und Konzerte gegeben, das muß doch wahnsinnig anstrengend...

ALMA 1          Ja, er hat gearbeitet. Bis es ihn erwischt hat. Da war nicht mit ihm zu reden. Nur sein eigener Körper konnte ihm Einhalt gebieten, jemand anders hatte da keinen Einfluß darauf. Nicht mal sein Verstand.

GROPIUS       Er hat sich selbst zerstört.

ALMA 1          So könnte man sagen.

GROPIUS       Und warum?

ALMA 2          (verhindert, dass Alma 1 antwortet:) Das weiß ich doch nicht.

GROPIUS       Das solltest du aber. Du hast sein Bemühen gekannt. Du hast erlebt, wie er um dich gekämpft hat. Das war doch offensichtlich. Er hat um deine Liebe gekämpft wie ein Löwe. Warum mußte er unterliegen?

ALMA 2          Wozu all diese Fragen? Walter, komm, es ist vorbei, es ist vorüber! Es ist...

GROPIUS       Nein, das ist es nicht, das ist es nicht. Er ist da, ich kann ihn doch spüren. Er liegt hier, zwischen uns, zwischen dir und mir.

ALMA 2          Walter hör auf mit dem Unsinn! Gustav ist tot und begraben. Er ist verscharrt, mehrere Meter tief...

GROPIUS       Ich bezweifle das. Ich glaube, er sucht deine Nähe. Er muß hier irgendwo sein. Was hast du ihm gegeben, Alma? Was hast du mit ihm gemacht, daß er sich nicht von dir trennen kann?

ALMA 2          Gar nichts . — Ich habe ihn gepflegt. Ich habe versucht, ihm das Sterben leicht zu machen.

GROPIUS       Du hast ihm gegeben, wonach er verlangt hat?

ALMA 2          Ja.

GROPIUS       Du hast ihm gegeben, worum er dich gebeten hat?

ALMA 2          Ja.

GROPIUS       Zuwendung...

ALMA 2          Zuwendung, ja, viel Zuwendung...

GROPIUS       Und Liebe...?

ALMA 2          Ja. Liebe auch. Viel Liebe. Sehr viel Liebe.

GROPIUS       Welche Art von Liebe?

ALMA 2          Liebe Liebe.

GROPIUS       Wenn du sagst «Liebe», was meinst du dann mit Liebe?

ALMA 2          Was genau möchtest du wissen?

GROPIUS       Hast du auch... Liebe... mit ihm gemacht?

ALMA 2          Er war mein Mann. Ich habe zwei Töchter von ihm.

GROPIUS       Nein, nein, ich meine während dieser letzten 2 Monate. Als er im Sterben lag. Du wußtest ja, daß es zu Ende geht... Hast du ihn da... Hat er dich da... Hast du ihm diesen Wunsch auch erfüllt?

ALMA 2          Ja, das habe ich.

GROPIUS       Wie oft?...

ALMA 2          So oft er mich darum gebeten hat.

GROPIUS       Und zwar?...

ALMA 2          So oft er Sehnsucht nach mir hatte..

GROPIUS       Einmal?... Mehr als einmal?...

ALMA 2          Todgeweihte pflegen sich verzweifelt gegen ihr Sterben aufzulehnen, weißt du?

GROPIUS       Du hast ihn wirklich... unglaublich!

ALMA 2          Ich habe ihm die Wärme und Zärtlichkeit gegeben, die ein Mensch in solch einer Lage braucht.

GROPIUS       Wie konntest du so kaltblütig sein? Bewundernswert...!

ALMA 2          Wer sagt, daß ich kaltblütig war?

GROPIUS       Was meinst du damit?

ALMA 2          Ich sagte dir schon: Ich habe Liebe mit ihm gemacht. Ich bin keine Samariterin. Ich bin auch nicht vom Roten Kreuz.

GROPIUS       Aber... Aber nachdem er alles über unsere Beziehung erfahren hatte, wurde er doch... Ich meine, er konnte doch gar nicht mehr... Das hast du mir doch selbst erzählt!

ALMA 1          Er hat sich wieder davon erholt.

GROPIUS       Er hat sich wieder erholt? Wann?

ALMA 2          Nach einem Treffen mit Sigmund Freud. Das hab‘ ich dir doch erzählt.

ALMA 1          Erstaunlich dieser Mann, ganz erstaunlich. Gustav war nur wenige Stunden bei ihm. Und weißt du, was das Komische war? Er wurde danach so aktiv wie nie zuvor. Aktiv und stark und leidenschaftlich. Er war sehr aufregend. Sehr aufregend....

ALMA 2          Oh ja, ich erinnere mich...!

GROPIUS       Oh mein Gott, und ich dachte, du wärest all die Monate schon mein gewesen...!

ALMA 2          Ich frage mich, warum er mir nach Gustavs Tod noch die Rechnung geschickt hat... Ich meine, ein Mann in seiner Position...?

U.S. ALMA     Vielleicht wollte er mich ja kennen lernen? Wer weiß, was Gustav ihm von mir erzählt hat...?

GROPIUS       Warum hast du das gemacht?

ALMA 1          Oh Walter. Manchmal bist du aber ein ganz schönes Dummerchen, weißt du?

ALMA 2          Ich wollte, daß er in meinen Armen stirbt, während ich über ihm bin. Ich wollte ihn töten mit meiner Liebe. Ich wollte ihn in mir sterben fühlen. Es tut mir leid, daß es mir nicht gelungen ist. Ich habe ihn so geliebt...

GROPIUS       Du hast ihn geliebt?

ALMA 2          Ja. Ich habe ihn wahnsinnig geliebt. Unvorstellbar geliebt. Vielleicht kann man ein zweites Mal gar nicht mehr so lieben. Ich habe ihn geliebt, diesen einsamen Menschen, diesen tiefen uferlosen Geist, diese wunde Seele. Der Wunsch nach Liebe drang ihm aus seinen Wunden wie ein dicker Blutstrom, der sich heißt und stark über mich ergoß. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr er mich gebraucht hat.

GROPIUS       Nein, daß kann ich wirklich nicht. Und das will ich auch nicht. — Was bin ich denn für dich nach Gustav Mahler?! Ich bin nichts als ein arisches Vollblut! Ein Zuchthengst! Niemals aber werde ich die Gefühlstiefe erreichen, die du ihm zugestanden hast, und ich werde wohl niemals Empfindungen in dir erwecken können, die den seinen auch nur ähneln.

ALMA 2          Nein, da hast du wahrscheinlich recht. Das darf ich dir nicht verschweigen. Wozu er mich gebracht hat, in dieser letzten Nacht, bevor er für immer von mir ging, das wird man in einem Menschen-leben nicht mehr aus mir herausholen können. Aber das ist nicht deine Schuld, Walter. Ich habe mich zu früh verschenkt. Aber du kannst unbesorgt sein, es ist noch genug für dich übrig. Ich habe dich sehr in mein Herz geschlossen. Dort ist dein Platz, dort gehörst du hin, dort will ich dich haben...

GROPIUS       Adieu!... (er geht)

ALMA 2          Armer Walter! Mein armer Walter. (antwortet auf die Frage, die Gropius zuvor gestellt hat:) Ja, ich werde dich heiraten, ich werde dich heiraten. Das werde ich tun.

GROPIUS       Adieu

U.S. ALMA     Jetzt hast du ihn verloren.

ALMA 2          Zur Hölle mit ihm! Ich hab ihn so satt! Diese Eifersucht zieht mir den letzten Nerv. Und diese ständige Fragerei: "Hast du's gemacht mit ihm? Ja? Wirklich? Wie oft denn? Hat's ihm gefallen? Hat's Dir gefallen?" Der Mann ist ja krank!!! - Es ist unerträglich, wie er sich dauernd in seinen sexuellen Taten sonnt – als ob das das einzige auf der Welt wäre, das zählt. Er glaubt, er vollzieht einen Akt göttlicher Gnade, wenn er mich besteigt!

U.S. ALMA     So sind Männer nunmal.

ALMA 2          Gustav war anders. Der kannte seine Grenzen.

U.S. ALMA     Auch wir haben Grenzen.

ALMA 2          Nicht in Liebesdingen. Immer wenn ich einen Mann in mir hatte, überschwemmt mich dieses grenzenlose Gefühl wie ein Lavastrom. Weißt du, was ich meine? Es ist das unvergleichbare Gefühl nach gegebenem und empfangenem Vergnügen. Dankbarkeit. Der magische Moment, in dem dir dein Geliebter schöner erscheint als je zuvor --- Und du möchtest diesen Moment bis in die Ewigkeit ausdehnen, diesen magischen Moment allumfassenden Glücks, umarmen willst du ihn und von ihm umfangen werden, ohne Zeit und ohne Grenzen. – Und genau da musst Du fühlen, dass er sich zurückzieht, dass er dich gehen lässt... Er entgleitet Dir. Er verrät dich! Unsere Fähigkeit zu lieben ist zu viel für sie. Es überfordert die Männer. Tragisch. – Aber wenn du mehr Liebe gibst, als ein Mann ertragen kann, musst du dir eben mehr Männer nehmen! Aber dazu sind die Männer noch nicht bereit. Unter all den Männern, die ich hatte, war nicht einer drunter, der bereit gewesen wäre, mich mit einem anderen zu teilen. Das zeigt doch, wie primitiv und rückständig sie sind. Wozu sollte Walter eine andere Frau brauchen, wenn schon ich ihm zuviel bin? Er bekommt doch alles, was er braucht! Glaube mir: Ich brauche nur mit dem kleinen Finger zu schnippen und Walter Gropius kommt angekrochen mit eingezo-genem Schwanz wie ein dressiertes Hündchen.

Man hört Glockenläuten

ALMA 1          Was ist denn da los?

U.S. ALMA     Ein Begräbnis.

ALMA 2          Sag nicht, dass Walter sich was angetan hat!

U.S. ALMA     Es ist nicht Walters Begräbnis, Alma...

ALMA 2          Wessen Begräbnis ist das denn?

U.S. ALMA     Alma!! Hast du vergessen welcher Tag heut ist?!

ALMA 2          Welcher Tag ist denn heute?

U.S. ALMA     Es ist der Tag, an dem dein Mann begraben wird. Gustav Mahler

ALMA 2          Oh!! On y va! - Das dürfen wir uns nicht entgehen lassen!

U.S. ALMA  Na komm! Ich möchte nicht in der zweiten Reihe stehen!